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Grundstein hinter Zäunen gelegt

 
Potsdam erhält bis 2013 das in Europa berühmte Stadtschloss zurück – als Parlament / Zeremonie für den Baustart mit zweihundert ausgewählten Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur / Unverständnis und Kritik wegen Aussperrung von hundert interessierten Potsdamern

Sechs Jahrzehnte nach der Zerstörung kehrt Potsdams Stadtschloss zurück. Nach langjährigen Auseinandersetzungen um den Wiederaufbau wurde am Mittwoch auf dem Alten Markt der Grundstein für das künftige Parlamentsgebäude Brandenburgs gelegt, das in den Umrissen des Knobelsdorffschen Vorgängerbaus mit der früheren Schlossfassade bis Mitte 2013 errichtet wird.
„Wir heilen eine Wunde der Geschichte“, sagte Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD), der auch auf Kritik an dem Projekt einging. „Wir bauen kein Schloss. Wir bauen einen modernen Landtag, der ins Bild dieser Stadt passt.“ Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) erinnerte daran, dass die Wiedergewinnung der früheren Mitte Potsdams seit 1990 mit vielen Rückschlägen verbunden war, ehe sie nun „nach 20 Jahren Träume, Wünsche, Hoffnungen gekrönt“ werde. Er hob hervor, dass das bisher in der früheren SED-Bezirksleitung auf dem Brauhausberg untergebrachte Parlament als zentrales Verfassungsorgan „runter vom Berg“ komme, künftig „auf Augenhöhe mit den Bürgern“ sei. Bei der Grundsteinlegung allerdings nicht.
Auf breites Unverständnis und Kritik stieß, dass ausgerechnet zur Parlamentsgrundsteinlegung nur rund zweihundert geladene Gäste zugelassen waren. Mehr als einhundert interessierte Potsdamer, denen der Zugang auf das abgesperrte Festareal neben der Baustelle - nicht auf dem Gelände - verwehrt wurde, mussten die Zeremonie aus der Ferne und teils hinter zugehängten Bauzäunen verfolgen. Dabei handelt es sich um das neben dem Großflughafen BBI wichtigste öffentliche Investitionsprojekt des Landes Brandenburg.
Der 120-Millionen-Bau wird im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit dem niederländischen BAM-Konzern errichtet. Verantwortlich für das Protokoll war das vom Linken Helmuth Markov geführte Finanzministerium. Kritik am Protokoll übten Politiker von SPD, Grünen, CDU, FDP und Linken, aber auch Vertreter aus Kultur und Gesellschaft. Dies sei „blöd gelaufen“, sagte etwa Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Die Potsdamer Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein (SPD) reagierte betroffen: „All die, die Spenden gesammelt haben, stehen jetzt draußen. Das verdirbt mir meine Freude.“
Auch Hartmut Dorgerloh, der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, äußerte sich verwundert, dass die Leute nicht dabei sein durften. „Hier wird ein Haus des Volkes gebaut, dazu gehören Gewählte und die Wähler“, sagte Dorgerloh. „Man sollte schon auf die Tradition des Gebäudes nach 1918 aufbauen.“ Daran hatte auch Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD) in seiner Rede erinnert. Nach der Abdankung des Kaisers 1918 war das Stadtschloss in der Zeit der Weimarer Republik vom Potsdamer Magistrat genutzt worden, dort tagte die Stadtverordnetenversammlung, und es gab einige Dienstwohnungen für „normale Potsdamer“. Die letzte Schlossbewohnerin, die 80-jährige Ingrid Semmrich, geborene Nitsch, war anwesend. „Es ist eine Ehre für mich, dabei zu sein“, sagte sie. Sie hätte „nie gedacht“, dass das Schloss einmal wiederentstehe.
Startschuss dafür war der Aufbau des Fortunaportals nach einer Millionenspende des in Potsdam lebenden TV-Moderators Günther Jauch, der der Grundsteinlegung fernblieb. Unter den Gästen war der Milliardär Hasso Plattner, dem Finanzminister Markov dankte: Dass der Landtag die historische Fassade erhält, war erst durch eine 20-Millionen-Spende des einstigen SAP-Mitgründers möglich geworden. Es gehe ihm darum, ähnlich wie in Dresden mit der Frauenkirche der Stadt ein Stück Seele zurückzugeben, sagte Plattner am Rande. Er habe sich davon leiten lassen, „wie es in 50 Jahren aussieht“. Dass in Potsdam manches auch mit Kleingeist verbunden ist, nimmt der Mäzen gelassen. Dies sei in anderen kleinen Städten nicht anders, betonte Plattner. „Wenn alle Städte in Deutschland solche Sorgen hätten wie Potsdam, wäre die Bundesrepublik besser dran.“
Und Konflikte um das Projekt, das inzwischen um 15 Millionen Euro teurer geworden ist, bleiben. „Ja, wir haben Verzug. Ja, es gibt Risiken“, sagte Markov. Man werde Probleme in fairer, konstruktiver Zusammenarbeit lösen.

PNN vom 17.02.2011, von Thorsten Metzner

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