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Kulkas Ultimatum

Kulkas Ultimatum

Beim Landtagsschloss wird um die Treppe im Foyer gestritten:
Kulka will „skulpturales Element“ statt Knobelsdorff-Kopie

Es ist ein Detail, gemessen am Stadtschloss ein winziges. Doch für Peter Kulka, den Potsdamer Landtagsarchitekten, geht es um alles – um das Prinzip, um aus seiner Sicht drohenden architektonischen Schund, und damit um seinen Ruf als einer der renommiertesten Architekten in Deutschland.

Der „Eklat“, wie er es in seinem Brandbrief zum Landtagsneubau selbst bezeichnet, entzündet sich an der laufenden Feinplanung für „die beiden letzten wichtigen Entscheidungen für das Bauwerk“. Er nennt „den Pförtnerbereich und das repräsentative Treppenhaus in Anlehnung an Knobelsdorff“. Im Kern geht es darum, wie das Treppengeländer am Aufgang zum künftigen Plenarsaal aussehen soll: Modern, wie es Kulka vorschlägt, was aber alle Beteiligten bislang abstößt, oder eben historisch nachgebaut, worauf Finanzministerium und offenbar auch der Landtag pochen. Es geht also einmal mehr um den Grundsatzstreit in Potsdam und insbesondere beim Schloss. Wie ernst es Kulka ist, zeigt folgende Drohung aus seinem Brief vom vergangenen Dienstag, dem 5. Juni, mit der er eine aus seiner Sicht verhunzte Kopie des alten Geländers strikt ablehnt. Zitat: „Ich kann Ihnen versichern, dass ich diese Lösung zu keinem Zeitpunkt ... akzeptieren und planen werde.“ Und: „Ausgerechnet dieser wichtige Übergang vom historischen Äußeren zum modernen Inneren scheint zu misslingen, weil Macht vor Wert und Differenzierung steht.“

Die Vorgeschichte des nach Fassade und Kupferdach nun neuen Schlossdramas um das historische Treppenhauses begann Ende Mai; zwei Wochen nach dem Tag der offenen Baustelle, auf dem es zum offenen Krach zwischen BAM-Projektleiter Thomas Weber und Finanzminister Helmuth Markov (Linke) gekommen war, der dem Konzern „Poker“ vorwarf. Damals schlichtete Kulka, appellierte an alle, bei dem „hochkomplizierten Prozess“ an einem Strang zu ziehen. „Wir bauen gleichzeitig außen ein historisches Gebäude und innen eins der modernsten Parlamente.“ Im Treppenhaus führt das nun zum Crash.

Am 24. Mai schrieb Kulka in einem Brief an die BAM und andere, dass aus seiner Sicht bei einem Nachbau des historischen Geländers „Statik und Sicherheitsaspekte zahlreiche Anpassungen“ fordern, „die diese Schönheit in Frage stellen“. Da die einstigen Stäbe zu breit für heutige Vorschriften sind, ein „Durchstecken von Kinderköpfen“ ausgeschlossen sein muss, wären zwangsläufig Begleitkonstruktionen nötig. Sein Büro hat verschiedene Varianten geprüft, also etwa hinter das „alte“ Geländer „gebogenes Plexiglas“, „gebogenes Glas“, „Gewebe“ oder „geschlossenes Blech“ zu setzen. Doch seien alle Lösungen „unbefriedigend“, schrieb Kulka damals. Und als als Alternative hatte Kulka zugleich mit seinem Büro kurzerhand ein modernes, massives und geschlossenes Geländer entworfen und präsentiert, eine Art geschwungene, weiße Mauer. „Daher habe ich mich entschlossen, das Geländer lediglich in der Form an die Historie anzulehnen und als skulpturales Element herauszubilden, dass auf seiner Oberfläche durch eine Sonderbehandlung in Farbschichten mit dazwischenliegenden Schleifprozessen veredelt wird.“ Er verwies darauf, dass er „eine vergleichende Technik“ gerade „bei der Restaurierung des Residenzschlosses in Dresden im Riesensaal praktiziert“ habe. Es sei eine „gestalterisch angemessene Lösung, in einem Raum auf dem Weg von außen nach Innen, die bewusst den Übergang zwischen Historie und Moderne verkörpert“.

Freilich, außer ihm sieht das bislang niemand so. Auch im Landtagspräsidium stößt das Mauer-Geländer auf Ablehnung. Das Finanzministerium erteilte ihm ebenfalls am vergangenen Dienstag eine brüske Absage, was offenbar den Brandbrief Kulkas auslöste. Im Schreiben des Finanzministeriums heißt es: „Das Gespräch mit der BAM bei der Bauaufsicht Potsdam hat ergeben, dass nur einige technisch mögliche Vorkehrungen getroffen werden müssen, damit dieses bauordnungsrechtlich neue Geländer ... genehmigt wird.“ Und: „Ich habe der BAM gegenüber deutlich gemacht, dass es daher auf jeden Fall bei der vertraglich geschuldeten Ausführung nach historischem Vorbild bleiben wird.“ Die vom Architekten präsentierte Alternativlösung sei „keine mögliche Option“.

Am 18. Juni soll der entscheidende sogenannte Bemusterungstermin mit der Kunst- und Ausstattungskommission des Landtags (KuAKo) stattfinden, von dem alles abhängt. In seinem Brandbrief drängt Kulka, dass sein Vorschlag – trotz des ministeriellen Vetos – mit allen Beteiligten besprochen und diskutiert wird, sonst sei er „nicht bereit die Verantwortung für den Entwurf dieses wichtigen Bauteils zu übernehmen“.

PNN vom 07.06.2012, von Thorsten Metzner

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