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„Man kann das Volk mitnehmen. Oder man kann es draußen lassen

 
Die Grundsteinlegung für Potsdams wichtigstes Gebäude, den neuen Landtag, gerät zu einer exklusiven Veranstaltung

Das war der Schulweg von Eberhard Weis: Von der Langen Brücke kommend vorbei am Stadtschloss und dem Palais Barberini hin zur Städtischen Oberschule für Jungen. Die gibt es nicht mehr; und auch das Stadtschloss nicht und nicht das Palais Barberini. Auch sein Elternhaus in der Schützenstraße – ein Opfer der Bomben. Als der heute 84-Jährige im August 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft nach Potsdam zurückkehrte, war er froh, dass seine Eltern, sein Bruder und er selbst noch am Leben waren. Das wog mehr als der Verlust der Kulissen seiner Kindheit.

Der pensionierte Lehrer steht auf der Aussichtsplattform der Roten Box. Er ist früh erschienen, hat aber nicht mehr den besten Platz ergattert. Viele Potsdamer wollen Zeugen sein, wie der Grundstein ihres Stadtschlosses, ihres neuen Landtages gelegt wird. Doch der Grundstein wird zum Stein des Anstoßes; auf die Baustelle dürfen nur geladene Gäste. Eberhard Weis zählt nicht dazu; er wird noch warten müssen, bis er den Weg seiner Kindheit wieder gehen kann.

Claus Stein aber will nicht warten. „Wir sind ausgesperrt“, schimpft er. Montag für Montag war er auf den Alten Markt gekommen, um dafür zu demonstrieren, „dass hier keine Hundehütte herkommt“. Und nun das, zum Zaungast degradiert, während „die Roten“, die schuld daran seien, dass die Schlossruine gesprengt wurde, Einladungskarten zückend an ihm vorbeigehen. „Das ist nicht in Ordnung.“ Steins Begleiter weiß von Institutionen, die verstehen, wie man es macht: „Beim Möbelhaus Porta sind wir alle reingekommen.“ Landtags-Architekt Peter Kulka, der selbst an einem solchen Tag seinen schwarzen Pullover nicht gegen Hemd und Schlips tauscht, sagt salomonisch: „Man kann das Volk mitnehmen. Oder man kann es draußen lassen.“ Dem liegt eine Entscheidung zugrunde, will er wohl sagen, und Kulkas skeptisches Lächeln lässt ahnen, dass er sie anders getroffen hätte. Dennoch: „Es ist ein guter Tag“, sagt der Architekt, „Schauen Sie doch mal nach Berlin“, wo das Stadtschloss noch ein Luftschloss ist, während in Potsdam gebaut wird.

Persönliche Einladungen des Landes ergingen auch an die Bürgerinitiative Mitteschön und den Stadtschlossverein – wenn auch nicht an jeden. Barbara Kuster von Mitteschön, eine der wirkungsmächtigsten Pro-Knobelsdorff-Stimmen, muss vor dem Bauzaun feiern. Ihr ironischer Kommentar: „Die Bösen kommen nicht rein.“ Christian Rüss, geladener Mitteschön-Protagonist, lobt die im Ringen um Knobelsdorff entstandene „Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt“.

Brandenburgs Finanzminister Helmuth Markov (Linke) erinnert vom Podest aus an den Abriss des Stadtschlosses „unter Leitung und Verantwortung der SED“. Die Rede des Landtagspräsidenten Gunter Fritsch (SPD) – „Wir heilen eine Wunde, die die Geschichte gerissen hat“ – wird unterbrochen von Sprechchören derer, die wie die Schlossbefürworter auch vor dem Bauzaun stehen müssen: „Wir wollen den König seh’n, wir wollen den König seh’n“, skandieren sie von der Langen Brücke her. „Revolutz“ Boede von Die Andere hat es mit Überredungskünsten – „Die Wachleute sind ja keine Unmenschen“ – bis vor die Tribüne geschafft und hält Pappschilder hoch. „Demokraten bauen sich kein Schloss!“ steht auf einem. „Streit ist die Seele der Demokratie“, erklärt Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) inzwischen und ist sich sicher, dass Boede – „Lieber Lutz Boede“ – dereinst sicher augenzwinkernd zugeben werde, dass alles gut geworden sein wird, „wenn das Herz der Stadt wieder schlägt“.

Nachdem das Land vorab klarmachte, dass kritische Anmerkungen von Mitteschön nicht in die Grundsteinkartusche gehören, war nun mit Spannung erwartet worden, was das Finanzministerium den Potsdamern einer fernen Zukunft mitzuteilen hat. Des Rätsels Lösung, laut verlesener Urkunde: „Die Grundsteinlegung findet in einer Zeit statt, in der Christian Wulff Bundespräsident, Angela Merkel Bundeskanzlerin, Gunter Fritsch Landtagspräsident und Matthias Platzeck Ministerpräsident ist …“

Eberhard Weis hat von der Roten Box aus kaum ein Wort verstanden. Dass Potsdam das Schloss zurückbekommt, sagt er dennoch, „ist außerordentlich richtig“.

PNN vom 17.02.2011, von Guido Berg

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