Aktuelles

Sanssouci-Kopie als "Kunst" im Innenhof.

Kunst am Bau oder misslungene Provokation?

"Kunst am Bau" sorgt oft für Diskussionen. Dass am Potsdamer Landtagsstadtschloss nun eine Skulptur der Sanssouci-Kuppel steht, ärgert viele Besucher. Das Original steht ja nur drei Kilometer entfernt.
Von Christiane Flechtner  Foto: Amin Akhtar

http://img.morgenpost.de/img/brandenburg/crop128584751/4708721006-ci3x2l-w620/Hier-im-Hof-des-Landtags-in-Potsdam-Kun.jpg
Der Nachbau der Schlosskuppel von Sanssouci im Hof des Landtages in Potsdam, im Hintergrund die Nikolaikirche

Ist das Kunst? Bei dieser Frage gehen die Meinungen in Potsdam zurzeit weit auseinander. Es geht um die neue Skulptur im Innenhof des Landtagsschlosses – um zwei moderne Aluminiumskulpturen, die der Kölner Florian Dombois entworfen hat. Mit dieser Idee in Gestalt der Kuppel des Schlosses Sanssouci hat der Künstler den ersten Platz im Wettbewerb "Kunst am Bau" für den Landtag gewonnen.

Bereits vor einigen Wochen wurden die beiden runden Betonböden gegossen. Am Donnerstag voriger Woche startete man per Kran mit der Installation der acht bemalten und jeweils 800 Kilogramm schweren Aluminiumplatten. In der kommenden Woche soll die Doppelskulptur komplett fertig sein – und dann langfristig – also auf unbegrenzte Zeit – den Innenhof des neuen Landtages zieren. "Es ist nicht geplant, das Kunstwerk von Florian Dombois wieder abzubauen, sondern es wird dauerhaft hier stehen", sagte Katrin Rautenberg, Sprecherin des Landtages.

Kaum Platz für Veranstaltungen

Unverständnis darüber herrscht bei vielen Potsdamern – schließlich liege doch das "echte" Sanssouci weniger als drei Kilometer entfernt. Zudem "beiße" sich das Gelb der Skulptur mit der roten Fassade des Landtagsschlosses dahinter. "Es ist eine Verunglimpfung des historischen Stadtschlosses", sagt die Potsdamerin Christa Held. Auch die etwa 100 Jugendlichen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, die in Potsdam über das Demokratiedefizit der EU diskutierten, bestaunten das neu entstandene Kunstwerk. "Das kann nicht deren Ernst sein, dass sie so etwas hier aufbauen", sagte eines der Mädchen. Und ihre Freundin ergänzt: "Das sieht absolut schrecklich aus."

Kritik kam auch von der "Bürgerinitiative Mitteschön" und dem "Stadtschloss Verein". Vor allem könne die Fläche wegen der beiden Skulpturen nun kaum noch für Veranstaltungen wie Konzerte oder Theaterstücke genutzt werden. Auch die Kosten für das Kunstwerk sorgen für Gesprächsstoff. Susanne Langer vom Präsidialbüro des Landtags erklärte: "Aus dem Finanzministerium habe ich die Auskunft erhalten, dass die Gesamtvergütung für die Leistung Kunstwerk 'Zugabe' von Herrn Dombois 334.893 Euro brutto beträgt."

Der Standort erscheint vielen unpassend

Nicht unbedingt das Kunstwerk an sich, sondern der Standort ist es, der vielen unpassend erscheint. Auch Martin Burmeister, Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, hätte sich einen anderen Standort gewünscht: "Warum gerade hier? Ich hätte es verstanden, wenn die Skulpturen im Bahnhof aufgebaut worden wären – sicher auch als Anreiz für die hier eintreffenden Touristen. Das hätte einen positiven Effekt erzeugt." Zudem sei Dombois' Werk ein verspätetes Statement gegen den Wiederaufbau des Stadtschlosses. Es erschlage mit seiner Dimension nicht nur die Besucher, sondern überlade durch die zwei Kuppeln das eigentliche Kunstwerk, nämlich die Fassade des Landtagsgebäudes.

Der Wettbewerb "Kunst am Bau" für den Landtagsneubau in Potsdam wurde Ende 2011 ausgelobt. Ziel des zweiphasigen, bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerbsverfahrens war die Gestaltung des Innenhofes des neuen Landtags in den Grund- und Aufrissen des alten Stadtschlosses. Mehrere Vorschläge wurden eingereicht, ein Drittel von ihnen wurde als besonders beachtenswert eingestuft.

Erster und zweiter Platz wurden realisiert

Vor zwei Jahren wurden die Gewinner-Entwürfe samt Preisträgern der Öffentlichkeit vorgestellt. Den ersten Preis gewann der 1966 geborene Florian Dombois mit seinem Werk "Zugabe", der zweite Preis ging an die Potsdamerin Annette Paul. Ihr Werk "Ohne Titel Ceci n'est pas un chateau", zu Deutsch: "Dies ist kein Schloss", ziert bereits seit Oktober 2013 als Schriftzug den Landtag, denn die Kommission entschied, nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Platz im Wettbewerb zu realisieren.

Schon mehrfach hatten die Entscheidungen der Kunst- und Ausstellungskommission des Landtags für Aufregung gesorgt: Laute Kritik hagelte es für die Ausstellung der Werke von Maler Lutz Friedel. 112 Bilder wurden ausgestellt, darunter die Porträts von Hitler, Goebbels und Stalin.

Auch der weiße Adler des Architekten Peter Kulka im Plenarsaal sorgte für hitzige Debatten – und das bereits vor der Eröffnung des Landtags. Viele verlangten, statt des weißen Adlers müsse das korrekte Wappentier Brandenburgs im Plenarsaal hängen. Das Parlament stimmte letztlich mit der rot-roten Mehrheit dafür, künftig einen stilisierten roten Adler auf dem Rednerpult zu präsentieren.

Landtag ist ein Besuchermagnet

Nun sorgen die Kuppel-Attrappen für Aufregung. Doch eines ist gewiss: Man kann, ganz nach der Benennung des Schlosses von Friedrich II. "ohne Sorge" sein, dass die Besucher ausbleiben könnten.

Das Landtagsschloss hat sich bereits in den ersten drei Monaten seit der Eröffnung als Besuchermagnet erwiesen, der Strom der Kunstinteressierten und Neugierigen dürfte so schnell nicht abreißen. Denn Kunst – vor allem kontrovers diskutierte – zieht die Menschen an. Ebenso wie die umstrittene Bilderausstellung mit Werken Friedels ist nun auch das neue Kunstobjekt "Zugabe" in aller Munde – und obendrein zumindest ein Hingucker.
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten

Zurück