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Schönes, teures Frauenzimmer

 

Schönes, teures Frauenzimmer

Eine weitere Stadtschlossfigur ist fertig – und landet zunächst im Depot.

Sanssouci - Es ist wie im richtigen Leben: Die Dame kommt natürlich zu spät. Das akademische Viertel ist schon zweimal rum, da biegt der Transporter mit sanfter Kurvenlage um die Ecke und hält auf dem Schirrhof der Schlösserstiftung. Beim Aussteigen braucht die Dame von gleich mehreren Männern Hilfe. Einer von ihnen ist Bildhauer und Restaurator Andreas Arthur Hoferick. Der entschuldigt sich bei den Zuschauern – „wir standen im Stau“ – und lässt eine Seitenklappe der Ladefläche herunter.

Dort liegt die kostbare Fracht. Die schöne Frau mit der Schlange am Handgelenk lümmelt auf einem Matratzenlager, mit Transportgurten festgezurrt. Sie hat die Fahrt aus der Werkstatt in Berlin-Weißensee gut überstanden. „Die ist robust, der macht ein kleines Schlagloch nichts aus“, hatte Saskia Hüneke, Kustodin der Skulpturensammlung der Schlösserstiftung, in Erwartung ihrer Ankunft verlautet. Und hatte recht.

Natürlich will jetzt keiner ein Risiko eingehen. Denn die Hygiea, 1750 von Leonhard Storch für Friedrich den Großen geschaffen, ist etwas sehr Besonderes. 30 000 Euro aus Spendengeldern kostete die Restaurierung der lebensgroßen Skulptur vom östlichen Kopfbau des Stadtschlosses. Bis zum Ende der Bauarbeiten müssen bereits fertigrestaurierte Skulpturen im Schirrhof zwischengelagert werden. Zum einen, weil die Landtagsschloss-Bauer von der BAM Deutschland AG aus Sicherheitsgründen darauf bestanden haben. Aber auch, weil es schon vorgekommen ist, dass neben der Blauen Box auf dem Alten Markt aufgestellte Skulpturen beschädigt wurden, so Michael Schöne, Vorsitzender des Stadtschlossvereins. Von den 38 mythologischen Figuren, die im Außenbereich des Schlosses aufgestellt werden sollen, sind fünf bereits fertiggestellt. Acht hat der Stadtschlossverein von der Stadt Berlin, wo sie die Humboldt-Universität zieren, zurückgefordert, darunter auch Hygieas Partner, ein Jüngling mit Saiteninstrument. 25 Skulpturen gilt es noch zu restaurieren.

Mal seien die Figuren fast komplett erhalten und nur leicht beschädigt, mal sind nur noch noch Bruchstücke da. „Das verlangt viel Recherche und künstlerisches Gespür“, sagt Hüneke. Hygiea brauchte eine linke Hand, beide Füße und einen neuen Kopf. Auch ein Teil der Schlange war beim Bombenangriff 1945 oder in den darauffolgenden Wirren verloren gegangen. Was alt und was neu ist, kann man nun ziemlich genau sehen. „Das ist durchaus so gewollt“, sagt Hans Joachim Kuke vom Stadtschlossverein. Auch an der Schlossfassade wird ersichtlich sein, was alt und was neu ist. Noch etwa 2000 originale Schlossteile lagern auf dem Gelände des Schirrhofs, wo es ein bisschen wie im antiken Griechenland aussieht, und warten darauf, abgeholt zu werden: Von Restauratoren oder direkt von der BAM.

„Vielleicht gibt es noch einen Besichtigungstermin, bevor sie in 15 Meter Höhe entschwindet und verankert wird“, sagt Hüneke. Interessanterweise hätten die Künstler die Perspektive des Betrachters beim Entwurf der Plastik berücksichtigt. Aus der Nähe wirke manches unverhältnismäßig, aus der richtigen Entfernung stimmen die Proportionen, so die Skulpturen-Expertin. Einen Blick für die Schönheit hat Restaurator Hoferick am gestrigen Freitag nur bedingt: Nachdem er die teure Frau mithilfe des Krans ausgeladen hat, platziert er sie, gepolstert auf Teppichresten und mit viel Fingerspitzengefühl, auf einem Steinsockel. Ein Weilchen wird sie dort noch ausharren müssen, bevor sie zum Stadtschloss umzieht.

PNN vom 08.09. von Steffi Pyanoe

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