Aktuelles

Speer statt Knobelsdorff

Von Dankwart Guratzsch, 26. März 2010

In Potsdam beginnt der Wiederaufbau des Schlosses. Die geforderte Rekonstruktion wird nicht angestrebt

Bei der Rekonstruktion untergegangener Gebäude kommt es auf jeden Zentimeter an. Das jedenfalls ist das Argument gewesen, mit dem Architekten und Denkmalpfleger jahrzehntelang den Wiederaufbau von Gebäuden abgelehnt haben, deren Maße nicht exakt bestimmbar waren, weil Bauzeichnungen oder Fotos nicht mehr aufgefunden werden konnten.

Bei der jüngsten und ehrgeizigsten Rekonstruktion des Landes Brandenburg wird nun diese Regel auf den Kopf gestellt. Anstelle des berühmten Stadtschlosses, in dem viele Hohenzollern, darunter auch Friedrich der Große, gearbeitet und regiert haben, entsteht seit dieser Woche aus Vorsatz ein Gebäude, das nur "so ähnlich" aussieht.

Dabei war es nach endlosen Auseinandersetzungen erst vor einem Jahr gelungen, die brandenburgische Regierung davon abzubringen, einen solchen Hybrid aus altem Schloss und Speerscher Reichskanzlei zu errichten. Ausschlaggebend dafür war eine Spende des Softwareunternehmers Hasso Plattner in Höhe von 20 Millionen Euro gewesen, die an die Bedingung geknüpft war, dem Neubau zumindest die Fassaden des jenes Bauwerks zurückzugeben, das der große Barockbaumeister Hans Georg Wenzeslaus Freiherr von Knobelsdorff (1699-1753) für Preußens Herrscher errichtet hatte. Nach mürrischem Zurückrudern der brandenburgischen Regierung folgte ein Architektenwettbewerb, aus dem der Kölner Architekt Peter Kulka vor einem Jahr als Sieger hervorgegangen war.

Doch nicht erst seit dieser Entscheidung ist erkennbar, dass die Regierung in Potsdam aus Beweggründen, die niemals offengelegt worden sind, nichts unversucht lässt, um von einer "Rekonstruktion" im wörtlichen Sinne wegzukommen. Zuerst hatte sie einen Neubau des Landtags an anderer Stelle geplant, der naturgemäß von Grund auf modern gestaltet werden sollte. Erst als der Standort des alten Knobelsdorff-Schlosses in einer Bürgerbefragung 2007 mit 42,8 Prozent deutlich mehr Stimmen als das von Gegnern einer Schlossrekonstruktion favorisierte Areal einer Industriebrache (28,5 Prozent) erhielt, sahen sich die Landespolitiker bemüßigt umzudenken.

Seit Kulkas Beauftragung mit der Bauaufgabe geht das Gerangel um den Bau trotz der Spende Plattners aber unvermindert weiter. Zunächst waren die Politiker bemüht, das aufwendige Fassadenprojekt zur bloßen "Tapete" zu stilisieren und dem Architekten die Auflage zu erteilen, die Hoffassaden "modern" zu gestalten.

Als dies bei den in mehreren Bürgerinitiativen organisierten Schlossfreunden auf heftige Kritik stieß, verordneten sie dem Schloss eine regelrechte Mastkur: Anstatt bestimmte Funktionen, die bei einer möglichen Fusion der Länder Brandenburg und Berlin in dem ohnedies stilwidrig bis in die Dächer vollgestopften Bau beim besten Willen nicht mehr unterzubringen sind, auf Nachbargebäude auszulagern, wurde ein Raumbedarf für den Schlossbau festgelegt, der das Gebäude im Sinne des Wortes sprengt. Um ihn zu erfüllen, müssen die Flügel derart aufgeweitet werden, dass kein einziger Raum im Originalformat mehr rekonstruiert werden kann - kein Saal, kein Salon, kein Arbeits- oder Schlafzimmer der Könige.

Mit diesen Direktiven versehen, ging Architekt Kulka ans Werk. Nun sind seine Pläne ans Licht gekommen, und sie halten für die Freunde der Schlossrekonstruktion die nächste Enttäuschung bereit. Danach werden auch die Fassaden keineswegs originalgetreu rekonstruiert, sondern im Sinne eines Rasterschemas reguliert und geglättet. Was dabei herauskommt, nähert sich seinerseits erneut der im Krieg zerstörten, in Teile zerlegten und in den Neubau der Russischen Botschaft eingebauten Neuen Reichskanzlei des Hitlerbaumeisters Albert Speer an und hat mit barocker Baugestaltung nichts mehr zu tun.

Um die Bedeutung dieses Eingriffs zu verstehen, muss man die Intentionen Knobelsdorffs kennen, der ja nicht aus Unvermögen, sondern mit Bedacht auf unterschiedliche Breiten der Fenster und Risalite gesetzt hatte. Er wollte damit die für die Barockzeit so wichtigen perspektivischen Wirkungen erzielen. Erst durch sie erhielt das Bauwerk jene "beeindruckende Körperlichkeit", die der Verein Potsdamer Stadtschloss "Mitteschön" nun an Kulkas Fassadenabwicklung vermisst.

In einer Petition an den brandenburgischen Finanzminister macht "Mitteschön" seiner Enttäuschung Luft. Durch die Gleichförmigkeit der Fassaden werde nicht nur der Gesamteindruck beeinträchtigt, sondern es könne sogar der Einbau von geretteten Originalfragmenten unmöglich gemacht werden - also genau derjenigen Teile, die noch verbürgt "echt" sind.

Soweit es um die Leistung des Büros Kulka geht, ist nicht recht klar, ob es auch hier nur auftragsgemäß handelt, oder ob es den Knobelsdorff-Bau nicht versteht. Auch bei der Rekonstruktion des Dresdner Residenzschlosses, die in die Hände desselben Architekten gelegt ist, hegen Kritiker inzwischen durchaus den Verdacht, dass das Büro mit historischen Aufträgen partiell überfordert ist. Eine Diskussion über sein Dresdner Schlosskonzept vor wenigen Wochen in der Frauenkirche sagte Kulka ab.

Nicht ohne Süffisanz bietet der mit Kunsthistorikern bestückte Potsdamer Schlossverein dem brandenburgischen Finanzminister und auch Kulka deshalb Beratung und Hilfe an. Dabei lässt er nicht unerwähnt, dass der Verein Potsdamer Stadtschloss ja auch selbst zum Gelingen des Wiederaufbauprojektes beiträgt, indem er den Skulpturenschmuck durch Spenden finanziert: "Wir sind bereit und in der Lage, unsere Berufserfahrung und aus historischen Unterlagen gewonnenen Erkenntnisse einzubringen, um dem Land Brandenburg eine Blamage in der internationalen Fachwelt zu ersparen!"

WELT ONLINE

Zurück