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Steinerne Rückkehr

 

Steinerne Rückkehr

Warum ein Berliner aus Neukölln 60 000 Euro für eine Skulptur des Potsdamer Stadtschlosses spendete

Zufrieden steht Hans-Jürgen Zippel vor der Sandstein-Statue, die bald als dritte von acht Attika-Skulpturen das Fortuna-Portal zieren wird. Der fünfundachtzigjährige Berliner, der 1926 in Potsdam geboren wurde, hat als privater Stadtschloss-Förderer eine ganze Statue gespendet – im Wert von 60.000 Euro. Die sogenannte „Trophäe“, steinernes Abbild der Waffen besiegter Feinde, wurde vor einer Woche am Alten Markt präsentiert.

In Zippels Neuköllner Wohnung hängen große Schwarzweiß-Fotos an der Wand, die Potsdams Mitte so zeigen, wie er sie damals vor dem Bombenangriff 1945 erlebt hat: Das unversehrte Stadtschloss, der Stadtkanal, die Nikolai- und die Garnisonkirche. Zippel zeigt auf ein Foto des Stadtkanals: „Jeden Morgen bin ich über die Ladenbergbrücke gegangen – das war mein Schulweg.“ Zippel wohnte in der Hohewegstraße 12, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße. Fast jeden Tag ging er am Stadtschloss vorbei, zum Beispiel um im Lustgarten Fußball zu spielen. Zippel besuchte das Real-Gymnasium Potsdam – das heutige Einsteingymnasium –, 1943 wurde er als Flakhelfer eingezogen. Ein Jahr später erhielt er in Ungarn „den Heimatschuss“, wie sich ein Lazarett-Arzt ausgedrückt hatte: Mit einem Schulterdurchschuss gelangte Zippel „recht abenteuterlich von Wien über Prag und Dresden am Ostersonnabend, dem 31. März 1945, in das heile Potsdam“, heißt es in dem Buch „Die Nacht von Potsdam“, dessen Autor Hans-Werner Mihan ein Jugendfreund Zippels war. Mit schweren Angriffen der Alliierten rechnete er nicht mehr.

Doch es kam anders: Am Abend des 14. April wird schwerer Bombenalarm gegeben, Zippel flüchtet in den Keller seines Hauses mit dem „sarkastischen Gedanken ‚Übrigbleiben!’“, wie er später formuliert. Wie viele andere Potsdamer erlebt Zippel eine Nacht voller Todesangst: 1700 Tonnen britische Bomben gehen auf die Stadt nieder, Zippels Haus bebt, im Treppenhaus über ihm stürzen Einbauten mit Getöse zusammen – fast wünscht er sich, jetzt lieber im Schützengraben zu liegen, wo man zumindest nicht unter Trümmern verschüttet werden konnte.

Im Keller ahnt Zippel noch nicht, wie schwer der Angriff wirklich ist. Als er sich hinauswagt, brennt die Innenstadt lichterloh: „Über dem Neuen Markt hinweg der flammende Glockenstuhl der Garnisonkirche, die Glocken läuten, Dante´sches Inferno…“, schreibt Zippel in seinen Erinnerungen. Am nächsten Tag erkennt er das Ausmaß der Zerstörung: Das Stadtschloss ist fast völlig niedergebrannt, Garnison- und Nikolaikirche sind schwer beschädigt. Rund 500 Potsdamer waren in dieser Nacht getötet und fast 1000 Gebäude in der Innenstadt völlig zerstört worden.

Während seine Familie in Potsdam blieb, flüchtete Zippel alleine vor den sowjetischen Truppen und landete im Gefangenlager Munster in der Lüneburger Heide. 1946 wurde er entlassen, kehrte nach Potsdam zurück und suchte in Berlin Arbeit als Musiker. Nachdem er 1952 eine Rede Walter Ulbrichts gehört hatte, siedelte er nach Westberlin über. „Ich und meine Frau wollten immer nach Potsdam ziehen. Das hatten wir dann aufgegeben“, erzählt Zippel. Bis 1961 verdiente er sein Geld als Akkordeonmusiker und später als Gitarrist, bevor er bis 1989 Personalleiter wurde.

„Die Wende war ein umwerfendes Erlebnis, aber gleichzeitig sah ich Potsdam in diesem armseligen, fürchterlichen Zustand“, erinnert sich Zippel. 2005 wurde bekannt, dass das Stadtschloss wieder aufgebaut werden sollte: „Da hab ich gedacht: Irgendwas tust du jetzt fürs Schloss!“ Doch anfangs zögerten Hans-Jürgen und Irmgard Zippel: Vielleicht würde das Stadtschloss ja ein völlig moderner Bau aus Glas und Beton? Als jedoch 2007 feststand, dass die historische Fassade dank der Spende des Software-Milliardärs Hasso Plattner wiedererstehen sollte, fiel ihre Entscheidung.

Warum es ausgerechnet eine Figur des Fortunaportals sein sollte, begründet Zippel pragmatisch: „Zu diesem Zeitpunkt stand nur das Portal, und ich wollte noch zu Lebzeiten sehen, wie die Statue aufgesetzt wird.“ Ähnlich lautet auch seine Erklärung für die stolze Summe von 60 000 Euro, die er für den Bau spendete: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Zippels Frau sollte die Präsentation der Figur nicht mehr erleben – sie starb 2008.

Die Großspende ist nicht das Einzige, was die Zippels für die Potsdam getan haben: Auch Gelder für die Garnisonkirche, zwei Pfosten für den Stadtkanal und zwei Palmetten der Nikolaikirche haben sie finanziert. „Mein größter Wunsch für Potsdam ist, dass wieder Leben in den Alten Markt kommt“, resümiert Zippel.

PNN vom 29.07.2011, von Erik Wend

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