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Streit hinter der fast fertigen Schlossfassade

Montag, 05.11.2012

Streit hinter der fast fertigen Schlossfassade

Der Bauträger BAM weist Schuld an Pleite der Sandsteinfirma von sich, Finanzminister Markov telefonierte mit Plattner

Innenstadt - Es ist der Tag nach der Pleite. Nun ziehen die Handwerker ab, die in den vergangenen Monaten am Stadtschloss in Potsdam die filigrane Knobelsdorffsche Fassade montierten. Seit dem Morgen transportierten Mitarbeiter der Sächsischen Sandsteinwerke aus Pirna am Freitag mit zwei Lastkraftwagen Blöcke, Baumaterial, Gerüstteile und Maschinen vom Alten Markt ab. Alles wird auf dem Gelände der alten Feuerwache in der Werner-Seelenbinder-Straße zwischengelagert, wie der Bauleiter erklärte. Wegen der Insolvenz habe man den teuren Mietvertrag mit der Stadt für die Fläche am Alten Markt gekündigt, günstigere Konditionen mit der Pro Potsdam ausgehandelt.

Noch hoffen die Sandsteinwerker, dass die BAM Deutschland AG einlenkt. Der privatwirtschaftliche Baukonzern BAM baut Brandenburgs Landtag als Generalunternehmer. Seinem Subunternehmen, den Sächsischen Sandsteinwerken, hat die BAM den Fassadenauftrag gekündigt. Auf eine Rücknahme der Kündigung hoffen die Pirnaer aber wohl vergeblich, so sieht es am Freitag aus: In der Potsdamer BAM-Dependance einige Hundert Meter weiter, im Postgebäude Am Kanal, lief über den Vormittag eine Krisensitzung, wurde mit BAM-Vorstandschef Alexander Naujoks im fernen Stuttgart telefoniert. Nachdem die Sandsteinwerke am Donnerstag öffentlich der BAM vorwarfen, sie sei wegen nicht bezahlter Rechnungen schuld an der Insolvenz, ist das Potsdamer Landtagsschloss beim Bauriesen Chefsache. Wieder einmal.

In einer halbseitigen Pressemitteilung der Zentrale aus Stuttgart wies die BAM dann alle Vorwürfe zurück – und schloss angesichts verbreiteter Befürchtungen weitere Verzögerungen beim Landtagsprojekt wegen der Insolvenz aus. Man habe „bereits Vorkehr getroffen, um die Arbeiten an der Fassade bereits in wenigen Tagen fortzusetzen“, hieß es. Die BAM wies jedwede Verantwortung für die Insolvenz der Sandsteinwerke zurück, die die Zahlungsunfähigkeit mit von der BAM nicht bezahlten Rechnungen über 1,9 Millionen Euro für erbrachte Arbeiten begründen. „Behauptungen über angebliche Zahlungsrückstände beim Bauvorhaben Landtag Potsdam sind unzutreffend und entbehren jeglicher Grundlage“, erklärte dagegen die BAM. Man habe erhebliche Zugeständnisse gemacht, die Fassadenfirma sei „schon länger nicht in der Lage“ gewesen, die Bauarbeiten vertragsgemäß fortzuführen.

Aber genau darum, was vertragsgemäß ist, was wann gezahlt werden muss oder mit gutem Willen gezahlt werden könnte, dreht sich der Konflikt. Insolvenzanwalt Helgi Heumann, der seit Kurzem in Pirna die Geschäfte führt und bereits ins Schlingern geratene Firmen wie die Uhrenfabrik Mühle-Glashütte und die Pulsnitzer Lebkuchenfabrik sanierte, widersprach der BAM. Er bestritt nicht, dass sich seine Vorgänger mit dem Potsdam-Auftrag verkalkuliert haben. Aber er blieb dabei, dass das BAM-Geschäftsgebaren zur Zahlungsunfähigkeit führte: Er habe der BAM einen Weg vorgeschlagen, bis zum 30. Juni 2013 die Fassade „zum Selbstkostenpreis“ fertigzustellen: Fast habe man am Wochenende einen Kompromiss gefunden. Doch am Ende sei die BAM nicht bereit gewesen, dies mit einer Reduzierung der Einbehalte bei fälligen Rechnungen und einer Erhöhung des Auftragsvolumens um knapp eine halbe Million Euro wegen Bauverzögerungen zu ermöglichen. Da länger gebaut werde, habe man aber höhere Kosten, etwa für Gerüste. Schuld seien nicht die Sandsteinwerke, sondern fehlende Vorarbeiten: „So kann eine Fassade nur dann angebracht werden, wenn die dahinterliegenden Mauern vorhanden sind.“ Er prophezeite, dass auch eine andere Firma die Fassade nicht schneller schaffe. „Das ist witterungsabhängig: Wir können bei zehn Grad minus keinen Putz anbringen.“

Die Zusammenarbeit mit der BAM sei schwierig, sagte Heumann. Die BAM versuche mit allen Mitteln, Preisabzüge geltend zu machen: „Das dient nicht dem Baufortschritt.“ Ein Beispiel: Als auf Sandsteinen während der Lagerung auf der Baustelle etwas Moos wuchs, habe die BAM dafür 8000 Euro abgezogen. Heumann: „Normalerweise baut man die Steine ein und reinigt sie dann.“ Als an einem zwei Meter langen Sandstein, der in zehn Meter Höhe in der Fassade eingebaut werden sollte, eine minimale Delle sichtbar war, wurden 2000 Euro einbehalten: „Normalerweise bessert man das nach dem Einbau mit Steinersatzmasse aus – in zehn Metern Höhe sieht kein Mensch den Unterschied.“ Unter Verweis auf solche Kleinmängel habe die BAM insgesamt mehrere Hunderttausend Euro zurückgehalten.

Dass es ausgerechnet um die von Hasso Plattner gespendete Fassade diese Erschütterungen gibt, hat beim Mäzen selbst und in Brandenburgs Politik für Unverständnis gesorgt. Finanzminister Helmuth Markov telefonierte deshalb am Freitag mit Plattner. Doch die Summe liegt noch beim Land, bestätigte das Finanzministerium: „Die 20 Millionen Euro sind noch angelegt.“ Hintergrund ist, dass der Landtag in öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP) errichtet wird, bei der der Parlamentssitz dann 30 Jahre lang von der BAM gemietet wird. Die Plattner-Spende samt Zinsen wird allerdings, eine Ausnahme, „nach Fertigstellung des Gebäudes als Einmalzahlung überwiesen“. Das Finanzministerium sieht sich nicht in der Pflicht, in den Konflikt zwischen BAM und Sandsteinwerken einzugreifen. Trotzdem hat die Pleite nächste Woche ein Nachspiel im Landtag. Zudem streiten sich BAM und Finanzministerium weiter um Mehrkosten und den Fertigstellungstermin, der für Herbst 2013 vorgesehen war, aber bereits auf Frühjahr 2014 verschoben wurde. Jetzt wurde ein Schlichter eingeschaltet. Dessen Votum, zumindest da ist man sich einig, wollen beide Seiten akzeptieren – wenigstens eine gute Nachricht am Tag danach.

PNN vom 05.11.2012, von Jana Haase und Thorsten Metzner

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