Aktuelles

Stadtzerstörung und kein Ende

Kriegszerstörung, Flächenabriss, sozialistische Magistralen mit dem Charme einer Reichsautobahn, Dimension-sprengende Nachwende-Investorenbauten ...

Man kann sich dem Eindruck einer jahrelangen bösen Absicht im Umgang mit unserer Stadt nicht erwehren. Demagogie und Ökonomie reichen sich die Hand. Was noch da ist, wird nur geduldet, was sein könnte, wird verhindert – die Seele und Struktur der Innenstadt Potsdams hat wenig Chance zu gesunden.

Geschichte als fortlaufender Prozess gelebten Lebens muss begriffen werden. Das geht nicht durch Tilgung, vor allem auch dann, wenn es sich, wie bei Garnisonkirche und dem alten Stadtschloss, um eine anerkannt hohe Qualität der Architekturleistung unserer Vorfahren handelt. Beim damaligen Flächenabriss Potsdams sollte eigentlich die komplette Innenstadt verschwinden. In diesem Sinne wurde auch das Hotel demonstrativ gegen die Lustgartenachse wie ein Siegeszeichen errichtet und in seiner Dominanz zementiert es bis heute unorganisch den Kontrast zur historischen Stadtstruktur.

Der Hass der ideologisch verbohrten Einzelperson Walter Ulbricht auf Geschichte und Kirche wurde kollektiv sich zu Eigen gemacht und lebt bei einigen noch heute weiter, in dem Gebäude in böse und gut unterschieden werden. Die 1933 vergewaltigte Garnisonkirche ist schon deshalb „böse“, allein weil sie eine Kirche ist – darf schon deshalb keinesfalls wiedererstehen! Eine ehemalige Reichskriegsschule dagegen hatte als bisheriger Parteiensitz nie ein ideologisches oder moralisches Problem.

Diese destruktive Geisteshaltung soll unkritisch an die Jugend weitergereicht und diese mit Unterschriftaktionen zu einer vorschnellen Meinung genötigt werden. Doch die Jugend muss naturgemäß und entschuldbar die Komplexität von Geschichte und Kultur durch eigenes Erleben und weitgefächerte Bildung erst noch selbst erfahren, um einen ehrlichen Zugang finden zu können. Doch anstatt die Erfahrungen von Kampf und Versöhnung komplex und sensibel zu vermitteln, werden hier Generationen kaltherzig gegeneinander ausgespielt. Inzwischen mutiert das viel zitierte Schreckgespenst einer „rechten“ Kultstätte an der Garnisonkirche zur realen „linken Kultstätte“.

Hass ist kein Mittel für sozialen Zusammenhalt. Historische Architektur dient mit ihrer komplexen Geschichte am Ort und ihrer auch rekonstruierten Gestalt, dem Erinnern sowie dem Zusammenfügen und Wiederbeleben der Stadtstruktur, auch wenn jegliches Alte im permanenten Zukunftsaberglaube unserer Turbo-Zeit oft wertlos scheint.

Der klassische philosophische „Dreiklang“ ist als „göttliches Prinzip“ sinnvollerweise formuliert in: These - Antithese und Synsthese oder auch in „Glaube - LIEBE - Hoffnung“. Eine neue Garnisonkiche soll mit dem Langen Stall und dem Plantagenplatz über Kunst und menschliche Politik zu einem Ort der Kommunikation von Menschen aller sozialer Schichten werden. Sie wäre mit einem ernsthaften Lehrauftrag als Zentrum der Versöhnung ein wichtiger Teil der Kulturmeile vom Ministerium über den Alten Markt bis zur Freundschaftsinsel und damit qualitativ etwas anderes, als eine unattraktive Demonstrationsfläche. Ein weiterer beliebiger Zweckbau hier kann den Anspruch nicht leisten.

Aktuelle Investorenbauten sind in ihrer Monströsität und Kälte sowieso kaum zu überbieten, allerorts entstehen derzeit phantasielose Klötzer, vielfach mit unlogisch-willkührlich versetzten Fenstern. Die derzeit real erlebbare Potsdamer Architektur verharrt offensichtlich noch vielfach im Denken des vorigen Jahrhunderts.

Doch gute moderne Architektur kann auch anders! „Modern“ sollte sein, was dem jüngsten Erkenntnisstand einer Gesellschaft entspricht (technisch, sozial, Energie, Natur, Ökonomie, Psychologie ...). Hier könnte der Wissenschaftsstandort Potsdam für wirklich intelligente Lösungen Beispiel gebend werden. Historische Bauten liefern zumindest zeitlos gültige Vorbilder für emotionale Qualität, handwerkliches Können und räumlich-stilistischen Zusammenklang. Deshalb wurde mit dem nötigen Respekt auch über „Mitteschön“ das „Leitbauten-Konzept“ für die Innenstadt ins Leben gerufen.

Geschichte und Gegenwart, bürgerliches Engagement und „Guter Wille“ prägen die Identität mit einer lebens- und liebenswerten Zukunft unserer Stadt.

Olaf Thiede (Künstler pro Potsdam)

Zurück