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Telegramm an Wilhelm Pieck

Donnerstag, 27.09.2012

Telegramm an Wilhelm Pieck

Neuer Stadtschloss-Kalender zeigt Farbfotografien, die Herbert Posmyk kurz vor und nach der Schlosssprengung aufnahm

Proteste via Postamt: Die systematische Sprengung des Potsdamer Stadtschlosses zwischen November 1959 und April 1960 wurde keineswegs von allen Potsdamern widerstandslos hingenommen. 15 Architekten des Volkseigenen Betriebes (VEB) Hochbauprojektierung Potsdam sendeten am Tag vor der ersten Sprengung Protesttelegramme nicht nur an DDR-Präsident Wilhelm Pieck und DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl, sondern auch an die Akademie der Künste in Paris. Einer von denen, die per Telegramm „gegen die überstürzten Maßnahmen“ protestierten, war der heute 83-jährige Herbert Posmyk, der die Stadtschlossruine Hunderte Male fotografierte.

Am Dienstag stellte der Stadtschloss-Verein seinen Kalender für 2013 vor. Er zeigt die besten Fotografien des Stadtschlosses, die Posmyk in der Zeit der Sprengungen aufnahm. Die Fotos überstanden als Dias die Zeit bis heute und wurden von der Druckerei Rüss für den Kalender technisch saniert.

Posmyk erinnert sich, wie er und seine Kollegen eingeschüchtert werden sollten. „Wir untersagen Ihnen jede Diskussion“ über die Schlosssprengung, habe es geheißen. Und: „Wir wissen Mittel und Wege, Sie zum Schweigen zu bringen.“ Der damals knapp 30-Jährige setzte sich aber weiter mit der Schlossruine auseinander, was nicht ohne Risiko war. Einmal versuchte ein Polizist, ihm die Kamera aus der Hand zu schlagen. Posmyk drückte genau in diesem Moment auf den Auslöser. Das dabei entstandene Foto, auf dem der Polizist, wenn auch völlig verwischt, erkennbar ist, findet sich auf einer Kalender-Rückseite. Regine Rüss, die maßgeblich an der Entstehung des Kalenders beteiligt war, erklärte voller Bewunderung: „Es war eine Freude, mit so einem Rebellen zusammenzuarbeiten.“

Posmyk war auch an jenem Sonntagmorgen zur Stelle, als die Sprengungen begannen. Zahlreiche Lastkraftwagen fuhren auf, nachdem ein Schlossflügel gesprengt worden war, wie eines der Kalender-Fotos zeigt. Der junge Architekt sah Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ), die mit Vorschlaghämmern noch intakte Dachfiguren zerschlugen. Der Kommentar des Vorsitzenden des Stadtschloss-Vereins, Michael Schöne: „Sonntag früh um sieben Uhr – das zeigt, welche Angst die hatten. Das zeigt das schlechte Gewissen.“ Posmyk erinnert sich, dass die Sprengung damals auch auf Befürworter traf. An der Tramhaltestelle am Alten Markt sagten die Leute: „Weg damit. Baut Wohnungen dafür.“ Vereinsmitglied Joachim Kuke: „Das war der Geist der Nachkriegszeit, man wollte aus den Trümmern raus.“

Für den Kunsthistoriker Kuke bringen die Fotos Posmyks wichtige Hinweise für die Rekonstruktion der Sandsteinfiguren, die einst das Schlossdach schmückten. 197 Farb- und 300 Schwarz-Weiß-Fotos Posmyks sind vorhanden. Auf einem Foto spiegelt sich die Schlossruine im Wasser der Alten Fahrt. Zahlreiche intakte Dachfiguren sind erkennbar. Wenn er das Foto sieht, sagt Schöne, kann er nachvollziehen, was jüngst ein Westberliner Professor erzählte. Dieser sagte, er habe seit 50 Jahren eine komplette Potsdamer Stadtschloss-Figur in seinem Garten stehen.

Der Stadtschloss-Kalender 2013 ist für 15 Euro in der blauen Box auf dem Alten Markt, im PNN-Shop im Karstadt-Stadtpalais, im Internationalen Buchladen und im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) erhältlich.

PNN vom 27.09.2012, von Guido Berg

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